Angst und Sehnsucht sind derselbe Punkt

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Der Mensch, der am lautesten nach Veränderung ruft, ist derselbe, der sich am meisten vor ihr fürchtet. Und derjenige, der Veränderung verweigert, sehnt sich heimlich danach.

Das ist kein Widerspruch. Sondern ein Gedanke aus einem Modell, das ich sehr spannend finde. Es stammt vom Tiefenpsychologen Fritz Riemann („Grundformen der Angst“, 1961) und wurde vom Kommunikationspsychologen Christoph Thomann 1988 zu einem Kreuz mit zwei Achsen geordnet. Die beiden haben sich nie getroffen. Ihr Modell, das Riemann-Thomann-Modell, steht trotzdem.

Das Riemann-Thomann-Modell: zwei Achsen, vier Grundbestrebungen

Die eine Achse spannt sich zwischen Nähe und Distanz, die andere zwischen Dauer und Wechsel. Jeder von uns trägt alle vier Ausprägungen in sich, unterschiedlich stark, und findet in einem der Felder eine Art Heimat. So weit ein hübsches Ordnungsschema. Interessant wird das Modell an den Polen.

Das Riemann-Thomann-Modell: zwei Achsen, vier Grundbestrebungen

Denn jeder Pol hat zwei Beschriftungen. Riemann, der von der Abwehr her dachte, schrieb an jeden Pol „Angst vor“: Angst vor dem Wechsel, vor dem Feststecken in der Dauer, vor zu viel Nähe, vor der Vereinsamung. Thomann, der die Alltagssprache suchte, schrieb an dieselben Pole „Sehnsucht nach“: nach Wechsel, nach Dauer, nach Nähe, nach Freiheit und Eigenständigkeit. Damit steht ein kleiner Beweis für Angst gleich Sehnsucht im Raum, und weil er so hübsch ist, zeige ich ihn ganz:

Behauptung. Angst und Sehnsucht sind dasselbe. Beweis. Die Angst vor zu viel Nähe und die Sehnsucht nach der Distanz bezeichnen dieselbe Stelle im Kreuz, einmal von der Abwehrseite, einmal von der Wunschseite benannt. Was für dieses Paar gilt, gilt für alle vier Pole. q.e.d.

Das Riemann-Thomann-Modell: zwei Achsen, vier Grundbestrebungen

Von hier an wird es paradox

Was aussieht wie Wechselhaftigkeit, basiert auf Dauer. Alltagsbeweis: der Jongleur. Von außen ist er im Feld Wechsel verortet: spontan, verspielt, ohne Bodenhaftung. Getragen wird dieses Bild aber vom Gegenpol Dauer, von Jahren voller Training und stumpfer Wiederholung. Denselben Wurf übt er zehntausendmal, bis die Hand ihn im Schlaf beherrscht. Und je müheloser das aussieht, desto öfter hat er sich gebückt, um den Ball wieder aufzuheben. Wer ihm keine Bodenhaftung zutraut, hat gerade den Menschen vor sich, der den Boden am häufigsten von allen berührt hat. „Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um über Nacht berühmt zu werden“, der Satz wird meist Eddie Cantor zugeschrieben. Die spontane, leichte Geste ist nicht der Gegensatz zur Disziplin. Sie ist ihr Ergebnis.

Wer allein arbeitet, sehnt sich ins Team und fürchtet es zugleich. Alltagsbeweis, und ich kenne ihn von mir selbst: Als Einzelkämpfer wünsche ich mir manchmal ein Team, und im selben Atemzug weiß ich, wie schwer es mir fiele, mich so auf andere einzulassen. Vielen Selbstständigen geht es so, sie träumen vom Miteinander und ahnen doch, dass sie mit der Hackordnung im Unternehmen nicht zurechtkämen. Andersherum sitzen im Unternehmen die, die sich in die Selbstständigkeit sehnen und davor zurückschrecken, die ganze Verantwortung allein zu tragen. Die Sehnsucht und Angst beziehen sich auf dasselbe Ziel.

Wer nach Sicherheit greift, also Dauer sucht, verliert sie. Alltagsbeweis: Wer lange in seinem Beruf bestehen will, muss up to date bleiben, um es überhaupt zu können. Wer bucht schon einen Handwerker, der noch mit den Methoden von vor 25 Jahren arbeitet und die Rechnung per Fax schickt? Wer sich festklammert, um sicher zu sein, steht still, während sich alles weiterbewegt, und der Griff nach der Dauerhaftigkeit ist genau die Bewegung, die die Sicherheit zerstört. Damit sind wir direkt bei meinem Kernthema: Aus dem Risiko von heute wird die Sicherheit von morgen, nie umgekehrt. Das ist die Volte, um die sich mein ganzes Denken dreht, und der Grund für den Titel meines TEDx-Talks „Risk Is the Safest Choice“.

Wo im Feld stehst du?

Ein Nachsatz, der wichtiger ist, als er aussieht: Das ist ein Beziehungsmodell, kein Persönlichkeitstest. Und kein Mensch sitzt auf einem einzelnen Pol. Deine Sehnsucht hat immer zwei Koordinaten. „Ich will allein um die Welt wandern“ ist Distanz und Wechsel. „Ich will mit einer Crew im Segelschiff um die Welt“ ist Nähe und Wechsel, dieselbe Lust auf Veränderung, in unterschiedlichen Quadranten. „Ich will dreißig Jahre mit meiner Familie in einem Haus wohnen, Bausparvertrag inklusive“ ist Nähe und Dauer. Drei Sehnsüchte, drei Quadranten.

Mit der Angst ist es genauso. „Allein sein“ ist noch keine Angst, das ist nur ein Pol. Angst wird daraus erst mit der zweiten Koordinate: allein sein für immer ist etwas völlig anderes als allein sein für einen Abend. Erst im Feld wird aus einer Richtung ein Gefühl.

Und genau deshalb fällt in Veränderungsprozessen die Belegschaft auseinander. Die einen sagen: Ich gehe mit, aber nur, wenn wir es zusammen tun, Wechsel und Nähe. Die anderen sagen: Ich bin bereit, und ich fange einfach an, Wechsel und Distanz. Beide sind veränderungsbereit. Sie stehen nur in verschiedenen Quadranten. Wer das verwechselt, hält den einen für einen Bremser und den anderen für einen Egoisten, und liegt bei beiden falsch.

Es gibt also keinen reinen Wechsel-Typ und keinen Dauer-Typ. Derselbe Mensch springt im Urlaub von jeder Klippe und isst sein Müsli seit zwanzig Jahren unverändert. Wir haben Tendenzen, aber keiner von uns steckt in einer Schublade. Versuche dich mal in einem Quadranten zu verorten, eventuell näher an dem einen oder anderen Pol: Wo stehst du gerade? Und wo steht dein Team?

Was heißt das für dich?

Hast du dich verortet? Genau im gegenüberliegenden Quadranten liegen deine Sehnsucht und deine Angst. Überleg mal:

Wonach sehnst du dich? Was wünschst du dir? Und ist diese Sehnsucht etwas, das du lieber nur träumst, statt es wirklich haben zu wollen? Etwas, das dir Angst macht? Man sagt Menschen ja sogar nach, sie fürchteten den eigenen Erfolg.

Ist das, wovor du am meisten Angst hast, vielleicht genau das, was du insgeheim suchst? Wenn du das bei dir erkennst, bist du der Veränderung schon näher, als du denkst. Denn eine Angst, die man kennt, verliert an Macht.

Und bei den anderen?

Dann dreh die Frage nach außen. „Veränderungsresistent“ ist ein zu statisches Wort. In jedem Nein zur Veränderung steckt beides, eine Angst und eine Sehnsucht, und ein Gefühl dazu. Der eine fürchtet den Wechsel, der andere liebt einfach die Dauer. Von außen sieht das gleich aus und ist doch nicht dasselbe.

Und ehe du dich auf die Seite der Veränderungsbereiten schlägst: Auch das Ja hat einen doppelten Boden. Wer den Wandel treibt, tut es entweder aus einer eigenen Angst, vor dem Stillstand, vor dem Abgehängtwerden. Oder aus dem Wunsch, vorne dabei zu sein, obwohl er dabei Angst verspürt. Der Veränderungswille ist keinen Deut einfacher als die Veränderungsresistenz.

Deshalb bringt es nichts, Menschen in „bremst“ und „treibt“ zu sortieren. Es bewegt sich nicht durch Druck, Druck füttert nur die Angst. Es bewegt sich, wenn die Sehnsucht wächst. Frag also niemanden, warum er bremst. Frag ihn:

Unter welchen Umständen wärst du bereit, dich einzulassen?

P.S. Das Schöne am Kreuz: Es ist keine Diagnose, die man dir stellt. Es ist ein Standort, den du wechseln kannst. Jederzeit, so oft du willst.

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Über den Autor

Andreas Gebhardt ist Keynote-Speaker für Fehlerkultur und Veränderung und ehemaliger Weltklasse-Jongleur. Seine Kernthese: Sicherheit entsteht nicht aus dem Festhalten, sondern aus dem Mut zum Risiko, so wie in seinem TEDx-Talk „Risk Is the Safest Choice“.

Quellen

    • Fritz Riemann: Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. Ernst Reinhardt Verlag, München 1961.
    • Christoph Thomann, Friedemann Schulz von Thun: Klärungshilfe. Rowohlt, 1988 (Ausarbeitung des Riemann-Thomann-Modells zum Koordinatenkreuz). Überblick: Schulz von Thun Institut, „Das Riemann-Thomann-Modell“.
    • Das Zitat „Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um über Nacht berühmt zu werden“ wird meist Eddie Cantor zugeschrieben. Zur Herkunft: Quote Investigator (2025).