Zurück in die gute alte Zeit. Die gute Fee fragt nach
Fee: Du hast einen Wunsch frei.
Mann: Einen? Früher waren es drei.
Fee: Drei waren es nie. Aber das erzählt man sich gern. Ich helfe dir, den einen passend zu formulieren, damit du ihn bestmöglich wählst.
Mann: Ich weiß schon, was ich will. Ich will zurück in die gute alte Zeit.
Fee: Wunderbar. Zeitreise ohne Retoure. Toller Wunsch. In welche gute alte Zeit genau?
Mann: Na, in die gute alte eben.
Fee: Ich brauche eine Jahreszahl. Ich kann dich ja nicht in ein Gefühl schicken.
Mann: Bevor es Computer und KI gab und all das Zeug, das heute so stresst. Das braucht doch kein Mensch. Diese KI setzt sich wahrscheinlich eh nicht durch.
Fee: Also nur ein kleiner Sprung. Die Zeit, bevor der Computer sich durchgesetzt hat, irgendwann in den Achtzigern? Oder bevor es ihn überhaupt gab? Dann müssten wir vor 1941, da läuft in Berlin der erste.
Mann: Achtziger klingen ganz gut. Eine Zeit, in der es keine Handys gibt. Dieses ständige Erreichbarsein nervt total.
Fee: Einverstanden. Wenn du willst, kannst du auch ganz aufs Telefon verzichten.
Mann: Nein. Auf keinen Fall. Ein Telefon hätte ich schon gern.
Fee: Gut, dann nehmen wir die Zeit der Wählscheibentelefone. Die ersten Tasten gibt es dann auch schon. Mitte der Achtziger. Dann sage ich dir dazu, was mitkommt. Nicht, dass du nachher überrascht bist. Beim Telefonieren zahlst du pro Minute. Ein Gespräch in die Nachbarstadt ist ein Ferngespräch und kostet ein Vielfaches. Auslandsgespräche vermeiden alle. Du telefonierst im Flur, im Stehen, und alle hören mit.
Mann: Ja, das passt. Früher hat man sich eben kurzgefasst. War auch besser so.
Fee: Möglich. Werbeanrufe gibt es keine. Dafür klingelt der Staubsaugervertreter an der Tür.
Mann: Da mach ich eben nicht auf.
Fee: Ich will nur sichergehen, dass der Wunsch stimmt.
Die Achtziger, die gute alte Zeit?
Mann: Ja, das machen wir. Die Achtziger. Da war ich sechzehn. Da war ich draußen, bis die Laternen angingen. Da war Feierabend noch Feierabend. Und die Musik, das war noch handgemachte Musik.
Fee: Die Achtziger kann ich machen. Zur Musik eine Randnotiz, damit du nicht enttäuscht wirst: Die meistverkaufte Maxisingle aller Zeiten stammt aus diesen Jahren. „Blue Monday“, 1983, über drei Millionen Stück. Schlagzeug von einem Drumcomputer, Bass von einem Sequenzer, dazu ein Sampler.
Mann: Bitte?! Das ist doch keine Musik.
Fee: Und noch eine Angabe zur Vollständigkeit: Du reist als der, der du bist. Ich verschiebe die Zeit. Dich nicht.
Mann: Wie jetzt, ich bleibe…
Fee: … Fünfundfünfzig. Du stehst 1987 in dem Club, von dem du gerade sprichst, und bist fünfundfünfzig.
Mann: Und das kriegst du nicht anders hin?
Fee: Nicht mit einem Zeitsprung. Ich könnte dir stattdessen deine sechzehn Jahre zurückgeben, hier und heute. Dann wäre das dein Wunsch.
Mann: Sechzehn sein, heute? Mit dem ganzen Digitalkram, KI und Dauererreichbarkeit? Dem heutigen Schul- und Gesundheitssystem? Um Himmels willen, nein. Und als alter Mann in der Disko stehen will ich auch nicht, wir haben damals mit keinem geredet, der über dreißig war. Nein, dann will ich da doch nicht hin.
Fee: Wie du möchtest. Ich sage nur: Von 1987 aus läuft die Zeit weiter. Du bist dann fünfundsiebzig, wenn das erste Smartphone erscheint. Hast du Enkel, die dir das einrichten könnten?
Die Fünfziger, die gute alte Zeit?
Mann: Nee, warte mal. Vielleicht wären die Fünfziger passender für mich. Wirtschaftswunder. Da ging es nur nach oben. Da hat sich Arbeit noch gelohnt. Die Rente war sicher, und dann habe ich meine Rente bis in die Siebziger und Achtziger. Ja, das klingt besser.
Fee: Das Wirtschaftswunder stimmt. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit fällt, und wer arbeitet, kann sich zum ersten Mal nach dem Krieg wieder etwas leisten. Das lässt sich machen.
Mann: Na also.
Fee: Ein Wort zur Rente. 1955 bekommt ein Durchschnittsrentner sechzig bis achtzig Mark im Monat, bei einem mittleren Monatsgehalt von etwa dreihundertfünfzig. Das ändert sich erst 1957, da steigen die Renten um über sechzig Prozent, und ab dann wachsen sie mit den Löhnen mit.
Mann: Na, dann ist ja gut. Dann gehen wir direkt ins Jahr 1957.
Fee: Ach, und zur Vollständigkeit, weil du eben das Telefon angesprochen hast: Ein Telefon hat da fast niemand. Geheizt wird üblicherweise mit Kohle, die musst du aus dem Keller holen. Täglich. Die Wochenarbeitszeit liegt bei etwa sechsundvierzig Stunden. Da hast du es gut erwischt, vor zwei Jahren, also 1955, waren es noch neunundvierzig. Du bekommst gutes Geld, für Urlaub reicht es bei den meisten aber nicht, und einen gesetzlich festgelegten Mindesturlaub gibt es erst ab dreiundsechzig. Die Lebenserwartung liegt bei gut sechsundsechzig Jahren für Männer.
Mann: Sechsundsechzig? Da hab ich ja nur noch elf Jahre.
Fee: Vielleicht ein bisschen mehr. Sechsundsechzig ist der Schnitt über alle Neugeborenen, die Kindersterblichkeit zieht ihn nach unten. Du bist schon fünfundfünfzig, für dich sieht es etwas besser aus.
Mann: Na wunderbar. Kann ich meine Frau mitnehmen?
Fee: Nein, das geht leider nicht. Du hast nur einen Wunsch. Der reicht nur für dich.
Mann: Oh Mann, dann lebe ich ja alleine und muss bis ins hohe Alter Kohlen schleppen. Jetzt hört es sich doch nicht mehr so gut an. Nur mal als Idee, könnte ich auch zurück vor die ganze Technik? Als es noch menschlicher zuging und die Leute abends zusammensaßen, statt auf Bildschirme zu starren.
1880, war das die gute alte Zeit?
Fee: Super. Gute Wahl. Dann machen wir das. Wie wäre es mit 1880?
Mann: Wirklich? Geht das?
Fee: Klar, 1880 ist kein Problem. Ich packe dir nur ein paar Aspirin ein. Ganz heimlich, das fällt keinem auf.
Mann: Wofür?
Fee: Für die Zähne. Betäubung gibt es dort nicht. Und nach vierzehn Stunden auf dem Feld sind Zahnschmerzen unangenehm.
Mann: Vierzehn Stunden?
Fee: Im Sommer sechzehn. Nimm die Tabletten ruhig mit, die kann ich in den Wunsch inkludieren. Sie stammen aus einer Farbenfabrik in Wuppertal und kommen dort 1899 als Aspirin in den Handel. Da, wo du hinwillst, gibt es sie noch nicht.
Mann: Kannst du mir sonst noch was einpacken?
Fee: Was hättest du gern?
Mann: Vielleicht doch ein Rückreiseticket. Oder ab und zu mal ein bisschen Netflix?
Fee: Das Ticket nicht, du hast ausdrücklich ohne Retoure gewählt. Netflix geht auch nicht. Kein Strom.
Mann: Dann lass uns doch lieber bei den Fünfzigern bleiben.
Fee: Gern. 1957?
Mann: Siebenundfünfzig.
Fee: Jetzt fehlt nur noch die letzte Formalie, ich muss das fragen, sonst wird der Wunsch ungültig. Du reist als der, der du bist. Mit deinen Einstellungen, deiner Art, die Dinge zu sehen und zu bewerten. Ist das in Ordnung für dich?
Mann: Selbstverständlich. Wie denn sonst.
Fee: Ich frage das jeden. Dann noch, was in den Jahren danach auf dich zukommt, der Vollständigkeit halber. Einundsechzig kommt die Antibabypille. Zweiundsechzig bekommt jeder Ort eine Postleitzahl. Siebenundsechzig wird das Fernsehen bunt. Und siebenundfünfzig, also genau wenn du ankommst, macht in Köln ein Laden auf, in dem es keine Verkäufer mehr gibt. Zweitausend Quadratmeter. Man nimmt sich die Ware selbst aus dem Regal, legt sie in einen Wagen und schiebt sie selbst nach vorn zur Kasse.
Mann: Kein Verkäufer? Ist doch ganz normal.
Fee: Ja. Aber die Leute dort werden sich fürchterlich darüber aufregen.
Mann: Aber wieso das denn? Das ist doch heute ganz normal. Da werden die sich schnell dran gewöhnen. Deshalb braucht man sich doch nicht aufzuregen.
Fee: Ja. Da hast du recht. Ist wohl eher eine Einstellungssache. Alles klar für den Zeitsprung?
Mann: Ähm. Kann ich noch mal telefonieren?
Rosige Retrospektive. Wie Nostalgie verzerrt
Wer sich nach der guten alten Zeit sehnt, erinnert sich selten an eine Epoche. Er erinnert sich an eine Auswahl an Erinnerungen.
Die Psychologie nennt das rosige Retrospektive: Im Rückblick bewerten wir Erlebnisse positiver, als sie im Moment des Erlebens waren. Dazu kommt, dass unangenehme Gefühle schneller verblassen als angenehme. Die Mühe geht, während der schöne Nachmittag bleibt.
Das ist keine Schwäche. Nostalgie stärkt nachweislich Zugehörigkeit, Selbstwert und das Gefühl, dass das eigene Leben Sinn hat. Sie ist nur ein bisschen rosa eingefärbt.
Und daraus wird ein unfairer Vergleich. Die Vergangenheit tritt als aufgeräumte Erinnerung auf, die Gegenwart als ungelöstes Problem. Was dabei verschwindet, sind die Schwierigkeiten, die es früher definitiv auch gab, und die frühere Veränderungen erst nötig gemacht haben.
Die Frage ist deshalb nicht, ob früher manches besser war. Das war es. Die Frage ist, was davon bewahrenswert war, was wir damals ausgeblendet haben, und welche Verbesserungen so sinnvoll und nötig waren, dass wir sie nie wieder hergeben wollen.
Und du? In welche gute alte Zeit würdest du reisen, und was müsstest du dort abgeben?
Quellen:
Weiterlesen zum Thema Veränderung und Loslassen:
- Warum wir Neues früher anpacken sollten: Festhalten ist keine Lösung
- Der sicherste Weg, den Wandel zu verpassen: Wandel verpasst man am besten, wenn man weiter macht wie bisher
- Angst und Sehnsucht sind derselbe Punkt