Warum Sicherheit unsere Sicherheit gefährdet
Wir wollen und brauchen Sicherheit. Und gerade haben viele das Gefühl, dass sie an allen Ecken und Enden zerbröselt.
Manches davon kommt von außen. Rohstoffe werden plötzlich teurer. Energiepreise springen. Die globale Sicherheitspolitik verändert sich und hat auf einmal Auswirkungen auf unser Unternehmen, auf unsere Kundenbeziehungen, auf unsere Exporte. Lieferketten, die jahrelang einfach funktioniert haben, reißen. Und auf die Stellenausschreibung, auf die sich früher zwanzig Leute beworben haben, meldet sich niemand mehr. Das alles kommt von außen. Man kann darauf reagieren, aber man kann es nicht verhindern.
Es gibt aber auch eine Sicherheitsbedrohung, die von innen kommt. Sie ist leiser, und man bemerkt sie lange nicht. Und das Unheimliche ist: Sie entsteht ausgerechnet aus dem Erfolg. Um die soll es hier gehen.
Wenn Wohlstand satt macht
Neulich habe ich ein langes Gespräch über Weltpolitik gesehen. Eigentlich ging es um die Arktis, um Europa. Und dann, irgendwo in der Mitte, fiel ein Satz, bei dem ich zurückgespult habe.
Sinngemäß: Wohlstand führt am Ende zu saturierten Gesellschaften. Die Menschen leben länger, sie bleiben länger gesund, sie bekommen weniger Kinder. Und ältere Gesellschaften sind weniger innovativ. Damit schwächt sich genau das ab, was den Wohlstand überhaupt erst erzeugt hat.
Das ist eine Aussage über Gesellschaften. Aber ich glaube, sie gilt genauso für jedes erfolgreiche Unternehmen. Vielleicht sogar noch mehr.
Aus Stabilität wird Erwartung
Erfolg bringt Stabilität. Das ist erst mal gut. Die Prozesse laufen, die Kunden kommen, die Zahlen stimmen.
Aber dann passiert etwas Leises. Papierkram und Regeln wachsen. Aus der Stabilität wird eine Erwartung. Man erwartet, dass es so bleibt. Und diese Erwartung wird immer mehr zum Maßstab für alles, was kommt.
Daniel Kahneman hat gezeigt, dass wir Gewinne und Verluste immer an einem Bezugspunkt messen. Wenn der Bezugspunkt heißt „so wie jetzt“, dann fühlt sich jede Veränderung wie ein Verlust an. Auch eine Verbesserung. Und Verluste schmerzen uns ungefähr doppelt so stark, wie uns Gewinne freuen.
So entsteht der Absicherungsmodus. Niemand beschließt ihn, er ist einfach irgendwann da. Und man ertappt sich dabei, dass man Veränderungen immer skeptischer gegenübersteht.
Wenn die Stärken zur Falle werden
Der Organisationsforscher Danny Miller hat dafür einen schönen Namen gefunden: das Ikarus-Paradox. Die Flügel, die Ikarus in die Freiheit getragen haben, haben ihn auch abstürzen lassen. Genauso führen die Stärken, die ein Unternehmen groß gemacht haben, im Übermaß zu seinem Absturz.
Nehmen wir Firestone, einen der angesehensten Reifenhersteller der USA. Als der langlebigere Radialreifen kam, baute Firestone einfach seine alten Werke um, statt neu zu denken. Es folgten Qualitätsprobleme, ein Rückruf von Millionen Reifen und 1988 die Übernahme durch Bridgestone. Nicht trotz, sondern wegen seiner Stärken gescheitert, sagt der Harvard-Professor Donald Sull.
Oder Xerox. Die haben den Fotokopierer praktisch erfunden, „xeroxen“ wurde in den USA zum Verb. Dann kommen japanische Hersteller mit kleinen, günstigen Geräten. Xerox nimmt das nicht ernst. Innerhalb weniger Jahre verliert das Unternehmen den größten Teil seines Marktanteils.
Das sind keine dummen Unternehmen gewesen. Im Gegenteil, sie waren die Besten. Und genau das ist ja das Unheimliche.
Es ist der Horizont, nicht das Alter
Jetzt könnte man sagen: Klar, die waren eben alt und satt. Aber ich glaube, das greift zu kurz.
Die Stanford-Psychologin Laura Carstensen hat etwas Spannendes herausgefunden. Menschen richten ihre Ziele danach aus, wie viel Zukunft sie vor sich sehen. Ist der Horizont weit, investieren sie. Sie lernen, sie probieren aus, sie gehen auf Neues zu. Ist der Horizont eng, ernten sie und sichern, was sie haben.
Wie klingt ein enger Horizont? Schlicht, nüchtern. Zum Beispiel so: „Die paar Jahre bis zur Rente mache ich das noch so.“ Oder: „Der Markt ist gesättigt, da geht nicht mehr viel.“ Oder der Klassiker: „Das haben wir schon immer so gemacht.“
Und wie klingt ein weiter Horizont? Begeistert, euphorisch. Am schönsten bei Kindern: „Wenn ich groß bin, werde ich Astronautin. Oder Tierärztin. Oder beides.“ Die Zukunft ist offen, und zu verlieren gibt es noch nichts. Bei Erwachsenen klingt das dann so: „Unsere Kinder sollen es mal besser haben, dafür lege ich heute den Grundstein.“ Oder: „Aus unserem Startup wird irgendwann ein Unicorn.“ Oder einfach: „Was wäre eigentlich, wenn …?“
Das Entscheidende ist: Der Horizont hängt nicht am Alter. In Carstensens Studien haben sich junge Menschen während der SARS-Epidemie, nach dem 11. September und in der Corona-Pandemie plötzlich verhalten wie Ältere. Sie haben das Vertraute gesucht, vor allem vertraute Menschen. Und ältere Menschen wurden wieder neugierig, wenn man ihnen eine längere Zukunft in Aussicht gestellt hat. Der Sechzigjährige, der für seine Enkel baut, hat einen weiteren Horizont als die Dreißigjährige, die nur noch das nächste Quartal überstehen will.
Startups leben genau davon. Junge Teams, ein weiter Horizont, viele Visionen, die sich manchmal widersprechen. Das reibt. Und aus dieser Reibung entsteht Wachstumsfantasie.
Aber Vorsicht, jung heißt nicht automatisch weiter Horizont. In vielen afrikanischen Ländern ist die Bevölkerung sehr jung, und es wird so viel gegründet wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Nur entstehen viele dieser Gründungen aus Not. Wer gründet, weil es sonst nichts gibt, denkt nicht an das Unicorn. Der denkt an die Miete. Sein Horizont reicht bis zum Monatsende. Es fehlt dort nicht an Mut, sondern an Kapital, an Unterstützung, an verlässlichen Strukturen.
Denn nur wer die nächsten Mieten gesichert hat, kann auch an spannende Projekte für übermorgen denken. Sicherheit ist also nicht der Feind des Risikos. Sie ist der Startpunkt. Und gleichzeitig entsteht dann daraus eine neue Sicherheit, die uns in der Zukunft trägt.
Was Führung tun kann
Erstens: den Horizont öffnen. Und zwar, indem man die Menschen für das Morgen begeistert und ihnen den Raum gibt, ihre eigene Begeisterung für Themen zu entfalten. Google hat das lange mit der sogenannten 20-Prozent-Zeit gemacht: Einen Tag pro Woche durften Mitarbeitende an eigenen Projekten arbeiten. Daraus sind unter anderem Gmail und AdSense entstanden. Interessant ist, was danach passiert ist. Ehemalige Mitarbeitende berichten, dass diese Zeit mit dem Erfolg immer weniger Platz hatte. Auch die erfolgreichsten Unternehmen scheinen also nicht davor gefeit zu sein, in den Absicherungsmodus zu rutschen.
Zweitens: die Fallhöhe senken. Wir wagen mehr, wenn das Scheitern überlebbar ist. Kleine Experimente, Prototypen, Pilotprojekte. Das macht das Risiko so klein, dass man es eingehen kann.
Drittens: die Erwartung prüfen. Stabilität ist wunderbar, solange sie ein Ergebnis ist. Gefährlich wird sie, wenn sie zum Anspruch wird. Eine einfache Testfrage für das nächste Führungsmeeting: Reden wir gerade mehr über die Risiken des Neuen oder über die Risiken des Stillstands?
Stabilität entsteht in der Bewegung
In meinen Vorträgen nutze ich das Jonglieren als Metapher, und dabei lernt man etwas, das sich auf jedes Unternehmen übertragen lässt: Stabilität entsteht nur in der Bewegung.
Wenn ich die Bälle in der Hand halte, damit bloß keiner herunterfällt, dann ist das kein Jonglieren mehr. Dann stehe ich einfach da, mit drei Bällen in der Hand. Sicher, ja. Aber es passiert nichts.
Genau das machen viele Unternehmen mit ihren Prozessen. Sie schnüren sie in immer festere Strukturen, immer mehr Regeln, immer mehr Absicherung. Sie halten alles fest. Bis das System irgendwann zusammenbricht.
Jonglieren braucht die Freiheit zu werfen. Es braucht Lockerheit und Raum, damit die Dinge in Bewegung bleiben können. Und es braucht das Vertrauen, dass man den Ball auch wieder fängt.
Und damit bin ich wieder bei dem Gespräch vom Anfang. Die Antwort auf die satte Gesellschaft lautete dort: Man muss die Industriegesellschaft neu erfinden und auf die Zukunftsbranchen setzen. Das Unbequeme daran wurde auch gleich mitgesagt. Das trägt erst in drei bis zehn Jahren Früchte, und bis dahin muss man die Unruhe aushalten.
Für Unternehmen gilt genau dasselbe. Wer heute in das Geschäft von morgen investiert, wirft einen Ball, den er erst in ein paar Jahren wieder fängt. Dazwischen ist er in der Luft. Das fühlt sich unsicher an. Aber die wahre Unsicherheit liegt woanders: bei denen, die gar nicht mehr werfen.
Und noch etwas weiß jeder Jongleur: Er wartet nicht, bis der eine Ball zurückkommt. Während ein Ball in der Luft ist, wirft er schon den nächsten ab. Und den übernächsten. So kommt nicht alle zehn Jahre ein Ball zurück, sondern in regelmäßigen Abständen.
Sicherheit ist kein Zustand, den man festhält. Sie ist ein Muster, das man in Bewegung hält.
Quellen
- Robert Habeck über saturierte Gesellschaften: „Zerbricht die politische Ordnung, Herr Habeck?“, Caren Miosga (ARD), Kanal tagesschau auf YouTube, 27.09.2026, ab ca. 39:25 Min., https://www.youtube.com/watch?v=a6EYZsGN6kA&t=2365s · ausführlicher in: „Wer bestimmt die neue Weltordnung? Mit Robert Habeck“, Bengalos im Bundestag, YouTube, 11.10.2026, ab ca. 42:46 Min., https://www.youtube.com/watch?v=KO7BDuat-qY&t=2566s
- Kahneman, D. & Tversky, A. (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica 47(2), 263–291. · Tversky, A. & Kahneman, D. (1992): Advances in Prospect Theory. Journal of Risk and Uncertainty 5, 297–323 (Verlustaversion etwa 2:1).
- Miller, D. (1990): The Icarus Paradox. How Exceptional Companies Bring About Their Own Downfall. New York: HarperBusiness.
- Sull, D. (1999): Why Good Companies Go Bad. Harvard Business Review, Juli/August, 42–52.
- Fung, H. H. & Carstensen, L. L. (2006): Goals change when life’s fragility is primed. Cognition and Emotion 20(2), 248–266. · Jiang, D. & Carstensen, L. L. (2023): Frontiers in Psychology, COVID-19 und Altersunterschiede in der sozialen Motivation, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9870591
- Gründungen aus Not: Global Entrepreneurship Monitor (GEM), Global Report 2023/2024 (in Ländern mit niedrigem Einkommen ist „Lebensunterhalt verdienen, weil Jobs knapp sind“ das häufigste Gründungsmotiv). Hohe Gründungsquoten in Westafrika z. B. GEM 2016, zitiert nach OECD Development Matters (2017), https://oecd-development-matters.org/2017/05/11/little-changes-for-women-entrepreneurs-in-africa-unless-mindsets-and-policies-change
- Google 20-Prozent-Zeit: Quartz (2013), „Google’s ‚20% time‘, which brought you Gmail and AdSense, is now as good as dead“, https://qz.com/115831/
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Über Andreas Gebhardt
Andreas Gebhardt ist internationaler Keynote-Speaker für Veränderung und Führung. In über 5.000 Shows als Profi-Jongleur hat er erlebt, dass Sicherheit nicht entsteht, wenn man die Bälle festhält, sondern nur, wenn man sie in Bewegung hält. Genau diese Haltung bringt er heute auf die Bühnen von Unternehmen und Kongressen. Entdecken Sie seine Vorträge zum Wandel und weitere Formate für Ihre Events, oder vereinbaren Sie direkt ein unverbindliches Kennenlernen.