Ein kleiner Blick hinter die Kulissen: Dieser Artikel ist eine Reiseanekdote aus meiner Zeit als aktiver Jongleur. Warum ich sie heute noch teile? Weil diese Situationen – allein mit tonnenschwerem Gepäck im Verspätungs-Chaos der Bahn – die beste Schule für das waren, was ich heute in meinen Keynotes lehre: Improvisationstalent, Souveränität in unsicheren Momenten und die Fähigkeit, über das Scheitern zu lachen. Wer ab und zu mit Requisiten für eine ganze Show im festsitzenden ICE stand, den bringt so schnell nichts mehr aus der Ruhe.

Wie ich kleine Dinge schätzen lernte.

Buchloe ist ein bewegender Ort, und das in doppeltem Sinne. Bei meiner Abreise mit der Bahn aus Bremerhaven war Buchloe sieben Reisestunden entfernt und bei der Ankunft waren es dann doch neun Stunden geworden. In Buchloe lernte ich wieder kleine Dinge zu schätzen. Und das kam so.

Bei meiner Ankunft war ich recht erschöpft, nicht nur von der langen Reise, sondern auch weil ich mich über die zwei Stunden Verspätung wahnsinnig aufgeregt hatte und dann die Genervtheit über Stunden langsam aus mir ausgedünstet war. Ich hatte ein Engagement, bei dem ich nicht nur abends eine Show machen sollte, sondern auch nachmittags für Kinder eine kleine Showeinlage inklusive kurzem Jonglierworkshop, oder sagen wir Jonglier-Probier-Spaß. Also habe ich jede Menge Requisiten eingepackt und war mit zwei XXL-Reisekoffern unterwegs plus einer Umhängetasche für private Sachen.

Der Bahnhof Buchloe ist ein typischer Kleinstadtbahnhof und nach dem Reiseverlauf überraschte es mich nicht, dass der Aufzug, der vom Gleis in die Unterführung ging, außer Betrieb war. Also wuchtete ich die beiden Koffer die Treppe runter und steuerte auf den Ausgang „Bahnhofsplatz" zu. Dort ging es wieder aufwärts. Als ich den Aufzugsknopf drückte passierte jedoch nichts. Nach etwas kopfschüttelndem Warten schleppte ich mich und meine 40 kg Gepäck die Treppe rauf. Oben angekommen sah ich schon die rote Leuchtschrift Stadthotel. Ich ging quer über den Platz und als ich dort ankam begrüßte mich eine Tafel: „Rezeption 1.Stock" und zwei Meter weiter ein Computerausdruck an der Fahrstuhltür: Aufzug defekt.  Fassungslos begann ich meine Koffer einzeln nach oben zu schleppen. An der Rezeption schaute mich eine Allgäuerin an „Grüaß Gott. Mei, Si sinnd ja ganz außar Ahtem!" Und dann gab sie mir ein Zimmer, das noch ein Stockwerk höher lag.

So wie dieses Zimmer stelle ich mir ein Stundenhotel vor. Bayrischer Landhausstil in pastellrosa und vor allem stank es fürchterlich nach Parfüm. Kennen Sie die älteren Damen, die Ihren Geruchssinn mit täglich mehr Parfüm zerstören? Erst dachte ich so ein wandelnder Douglas-Shop war vorher in diesem Zimmer, aber dann bemerkte ich, dass es sich wohl eher um einen Raumduft handeln muss. Ich riss die Fenster auf, und suchte das ganze Zimmer ab. Klostein? irgendwo im Bad versteckt? Unterm Bett vielleicht? Hinter den Vorhängen? Und dann wurde ich fündig, oben auf dem Schrank stand ein Plastikstinketeil, voll ausgepackt und verströmte puffig billigen Gestank. Ich fasste es mit Papiertüchern vorsichtig an und stellte es raus auf den Gang.

Um was zu essen und meinen Geruchssinn zu schützen, floh ich aus dem Zimmer und lief durch Buchloe, und da sind mir ein spezieller Buchloer Brauch aufgefallen: Reimen. Im Hotel stand schon Gastronomie Knie, da hätte es mir schon dämmern können.  In der Bahnhofstrasse, wo sich das örtliche Leben abspielte, kam es dann aber dicke: ‚Schöne Dinge – Klaus und Inge', ‚Musik Boutique' und es ging sogar auf Englisch: ‚Wind and Weather-  make Outdoor better!'

Zum Auftritt, am nächsten Tag, schleppte ich wieder meine Koffer die zwei Stockwerke runter, und abends wieder hoch und am nächsten Morgen, gleich zum ersten Zug wieder runter, dann durch den Regen zum Bahnhof, dort wieder die Treppe runter und da überkam mich ein unvorhergesehener Optimismus den Buchloer Aufzügen noch eine achtzehnte Chance zu geben: Ich drückte den Aufzugknopf der zum Gleis hoch ging: Und da kam ein breites Grinsen und eine wahre Freude in mein verschlafenes Gesicht.

Ja, Buchloe macht mich frohe, nun gibt's auch ohne Klaus und  Inge schöne Dinge. (Obwohl -vielleicht reparieren die ja Fahrstühle)

P.S.: Zu früh gefreut: Umsteigen in Augsburg ist ziemlich perfide. Vom Regionalbahngleis abwärts gibt es keinen Aufzug. Und zum ICE-Gleis rauf, am Ende der Unterquerung,  gibt es ein Laufband am Treppenrand, welches außer Betrieb ist. Aber die Krönung sind zwei Videoleinwände zwischen den Treppen auf denen Impressionen laufen, die das imposante Rolltreppenzickzack aus dem Berliner Hauptbahnhof zeigen. Traumhaft.

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Über Andreas Gebhardt:

Vom Jongleur mit schwerem Gepäck zum gefragten Experten für die Business-Bühne: Seit 2014 hat Andreas Gebhardt den Radius seiner Keynotes konsequent erweitert – weit über Deutschland hinaus bis ins internationale Ausland. Seine Reise begann mit dem Fundament einer gesunden Fehlerkultur, doch heute liefert er weit mehr: Er ist ein echter Motor für die Steigerung der Veränderungsbereitschaft in Teams. Erleben Sie, wie er trockene Management-Themen mit der Präzision eines Varieté-Künstlers zum Leben erweckt. Mehr zu seinem Portfolio finden Sie auf der Seite Vorträge und in seinem Profil unter Andreas Gebhardt.