Wertvoller Fehler

  • Andreas Gebhardt | Jongleur und Speaker

Wertvoller Fehler

Mein letzter Vortrag 2017 war auf der Weihnachtsfeier eines Krankenhauses. In den Wochen davor war richtig viel los und mit dieser Routine gestärkt kam ich dort an. Vor der Bühne war eine absolut überdimensionierte Tanzfläche. Das ist immer schwierig, aber mit ein bisschen gutem Willen von allen Seiten ist das hinzubekommen. Der Geschäftsführer sagte mich nach dem Buffet an mit Worten wie: Und bevor gleich der DJ kommt und wir richtig Party machen haben wir noch einen Gast, der hier über das Thema Fehlerkultur referiert.

Was dann kam ging gehörig nach hinten los. Ich kam auf die Bühne und außer dem Tisch mit dem Geschäftsführer, gab es nur noch einen weiteren Tisch, der aufmerksam zuhören wollte. Ich wartete, damit Ruhe einkehrte, aber ich wurde schlichtweg ignoriert. Anstatt mit einer steilen These anzufangen um gleich ins Thema zu starten griff ich in die Trickkiste und holte ein paar Sprüche aus meiner Zeit als Entertainer raus. Mit ein paar Lachern und ein/zwei Frechheiten bekommt man schnell die Aufmerksamkeit, aber die restlichen ca. 350 Gäste sprachen lauter, um über die Lautstärke des Mikrofons zu kommen. Viele standen auf, um sich an der Bar Getränke zu holen. Auf die Tanzfläche konnte ich nicht gehen, weil es dort kein Licht gab. Also versuchte ich noch ein paar weitere rhetorische Mittel, alles hoffnungslos. Ich holte mir sogar einen Zuschauer auf die Bühne, das ist ja schließlich das ultimative Mittel um alle in den Bann zu ziehen. Es interessiert ja schließlich alle, was mit dem Kollegen auf der Bühne passiert. Weit gefehlt, es interessierte nach wie vor nur den Tisch mit dem Geschäftsführer und einen weiteren. Ich konnte teilweise meine eigenen  Worte nicht verstehen, trotz Mikrofonie. Also kam ich so schnell wie möglich zum Ende.

Andreas Gebhardt | Jongleur und Speaker

Auf dem Heimweg war ich in Gedanken, tief geschockt von dem Erlebnis. Fragen über Fragen, hätte ich das im Vorfeld nicht erahnen können? Hätte ich das Ruder irgendwie rumreißen können (am besten ohne zu strippen?). Hatte ich überhaupt eine Chance mit Inhalten rüberzukommen? Auf einer Bühne hinter einen riesen Tanzfläche weit weg von Leuten die auf Party, tanzen und feiern aus waren? Prompt wurde ich auch noch geblitzt. Toller letzter Auftritt des Jahres. Ich kaute noch ein paar Tage auf der Niederlage herum.

Erster Auftritt 2018. Weihnachtsfeier eines Versicherungskonzerns. Wieder Buffet, wieder Tische statt Stuhlreihen. Meine erste Frage: Gibt es eine Tanzfläche? Alkohol for free? Ja, alle wurden mit einem oder zwei Kölsch begrüßt. Als ich begann, war ich unglaublich nervös, äußerste Spannung herrschte. Werde ich die Leute bekommen? Wollen die das überhaupt sehen oder auch nur Party machen? Durch den letzten Auftritt wurde dieser plötzlich zu einer Herausforderung. Das Damoklesschwert hing tief und gefährlich blitzend über mir.

Ich beginne, bewege mich zwischen den Tischen, suche Blickkontakt mit vielen Zuschauern – alle hören zu, sie verfolgen jedes Wort, kleben mir an den Lippen. Wenn mal eine Zwischenbemerkung rausplatzt, höre ich sie und kann direkt darauf eingehen. Am Ende des Vortrages fällt mir ein Stein in der Größe des Kölner Doms vom Herzen und eine tiefe Freude durchzieht mich. Das Foto ist übrigens aus dem Fenster des Veranstaltungsraumes entstanden.

Fazit:

Hätte ich diese Freude und diese Erleichterung überhaupt spüren können, wenn es nicht diesen unsäglichen vorherigen Auftritt gegeben hätte? Wird der Erfolg nicht erst zum Erfolg weil man die Niederlage kennt? Was ist Erfolg eigentlich wert wenn es keinen Misserfolg gibt?

Ein Erfolg ohne das Risiko des Scheiterns ist kein Erfolg sondern normal. Erst die Schwierigkeit und das Risiko verleihen dem Erfolg die Würze und erst durch die Chance des Misslingens erfährt man wieder Wertschätzung für das Gelingen. Was der Auftritt im Dezember im Nachhineine ein wertvoller Fehler Muss ich nicht diesem gescheiterten Auftritt im Dezember dankbar sein, weil er mich wieder ganz neu schätzen lässt wenn alles gut geht? Weil er letztlich die Freude des Glückens erst ermöglicht? Charles Pêpin schreibt: „Man kann Fehlschläge nur lieben, denn letztendlich vertiefen sie die Freude.“

2018-06-27T09:09:37+00:00