Was passiert, wenn der Speaker für den Neujahrsempfang nicht ankommt?

Meine verrückteste Vortragsanreise – Eine wahre Geschichte

 Ich hatte eine Buchung als Speaker für einen Neujahrsempfang bei Karlsruhe. Die Anreise war überschaubar: Sechs Stunden Zugfahrt. Anreise am Vortag. Genug Zeit, um in Ruhe anzukommen und mich vorzubereiten. Bis hierhin lief alles nach Plan.

Ein Tag vor Abreise kam der Wetterbericht. Für genau diesen Tag war ein massives Schneechaos angekündigt. Um auf Nummer sicher zu gehen, wollte ich einen früheren Zug zu nehmen. Doch bereits an diesem Punkt hörte Planung auf mir zu helfen.

Ein bisschen Verspätung hatte ich ja eingerechnet …

In Bremerhaven am Bahnhof ging nichts mehr. Schnee und Wind mit starken Schneeverwehungen verursachten Stillstand. Es gab keine verlässlichen Informationen. Vier Stunden Wartezeit, bis der erste Zug fuhr.

Doch dann ging es los. Ich sollte nur einmal in Hannover umsteigen. Für einen kurzen Moment schien alles wieder möglich.

In Wunstorf, eine Station vor Hannover dann die Durchsage, die alle sprachlos zurücklies: Der Zug endet hier. Es fährt kein Zug nach Hannover. Es fährt überhaupt kein Zug mehr.

Hannover war im völligen Schneechaos. Die Gleise waren voller Züge, damit gestrandete Reisende wenigstens in warmen Zügen übernachten konnten.

Ich musste mich neu orientieren.

Dann musste ich schnell entscheiden

Als ich aus dem Zug ausstieg, sah ich fast 300 Reisende mit Fragezeichen in ihren Gesichtern. Also ging ich schnurstracks zum ersten Hotel und hatte Glück. Ich bekam noch das vorletzte freie Zimmer. Ich wusste nicht, ob es überhaupt noch einen realistischen Weg nach Süden gab. Meine Hoffnung war: Hannover ist ein wichtiger Hub, der wird bis morgen früh frei sein und dann geht es weiter. Hoffentlich.

Die Nachricht, die ich als Speaker für den Neujahrsempfang nicht aufschieben konnte

Parallel  informierte ich die Veranstalter. Ihr Speaker für den Neujahrsempfang legt eine Zwischenübernachtung in Wunstorf ein. Mir ist es wichtig immer transparent und realistisch zu sein. Ich erklärte die weiteren Optionen und Gefahren. Aber da die Veranstaltung erst am nächsten Abend war, schien noch alles machbar und entspannt. Dachte ich …

Der nächste Versuch

Am nächsten Morgen war es windig und bei minus 10 Grad war alles vereist. Auch die Weichen. Ein Zug nach dem anderen wurde gecancelt. Gegen 11h sollte dann der erste Zug aus Hannover nach Süden abfahren. Aber in Wunstorf ging gar nichts. Also fuhr ich zusammen mit anderen gestrandeten Reisenden mit dem Taxi nach Hannover Hauptbahnhof. Unterwegs wurde dann aber leider auch der eine Zug nach Süden gecancelt.

Gab es überhaupt einen machbaren Weg in den Süden? Was für Optionen bleiben überhaupt noch?

Die letzte Option

Also fuhr ich direkt weiter zum Flughafen. Ein letzter freier Platz im Flieger nach Frankfurt machte den nächsten Schritt möglich. Und der flog tatsächlich.

Nicht sofort. Eine Stunde Verspätung, weil er noch enteist werden musste. So langsam wurde es SEHR knapp. Die Veranstalter fragten sich, ob ihr Speaker für den Neujahrsempfang überhaupt noch ankommen würde. Und ich fragte mich das ehrlich gesagt auch. Vorsichtshalber wurde der Ablauf umgeplant. Mein Vortrag sollte nun ans Ende des Empfanges rutschen.

Vom Gate aus machte ich telefonisch Ton- und Lichtcheck, damit alles vorbereitet ist, was vorzubereiten war. Mehr Einfluss hatte ich in diesem Moment nicht.

Als wir in Frankfurt landeten, lag dort kein Schnee. Null Grad. Normales Wetter. Kaum vorstellbar, dass Norddeutschland im Ausnahmezustand steckte.

Meine Eltern sprangen spontan als Shuttle-Service ein. Und so ging es weiter Richtung Karlsruhe direkt zum Veranstaltungsort.

Inzwischen war klar: Es ging nicht mehr um Stunden. Es ging um Minuten. Im Auto zog ich meine Auftrittskleidung an, bereitete den Rechner vor, ging die Texte das letzte Mal durch.

33 Stunden nach dem Start kam ich an. Ich kam durch den Hintereingang und begann aufzubauen. 5 Minuten sollten reichen.

Da hörte die Musik auf zu spielen.

Die Veranstaltung war zu Ende. Ich war zu spät.

33 Stunden Reise umsonst.

Kein Zug, nicht mal Gleise in Sicht

Damit hatte ich nicht gerechnet 

Die Kommunikation von unterwegs zahlte sich aus. Der Veranstalter kam lächelnd auf mich zu und sagte: „Lass Dir Zeit, wir haben nochmal spontan umgestellt. Wir machen erst den Stehempfang. Die Leute haben auch Hunger und Durst und brauchen mal eine kleine Pause. Und dann machst Du den Abschluss."

45Minuten später war es dann soweit. Selten habe ich bei einer Veranstaltung so bewusst gesagt: Ich freue mich hier zu sein. Die Energie war da. Die Erleichterung auch. Und dann kam die Begeisterung.

Was bleibt

Warum erzähle ich diese Geschichte?  Weil ein Vortrag nicht erst auf der Bühne beginnt.
Sondern viel früher.

Wer einen Speaker für den Neujahrsempfang bucht, bucht nicht nur Inhalte, sondern auch Verlässlichkeit. Und die zeigt sich nicht, wenn alles glattläuft, sondern wenn es schwierig wird. Kapitulieren war keine Option. Nicht, solange es noch einen Weg gab, anzukommen.

Fun Fact am Rand:
Meine letzte Reise nach Neuseeland dauerte ebenfalls 33 Stunden. Der Unterschied war nur, dass sie geplant war.

Dieses Mal war es Improvisation. Und genau darin zeigt sich, was Zuverlässigkeit wirklich bedeutet.

P.S.: Die Rückreise am nächsten Tag lief übrigens planmäßig