Angst vor Unsicherheit: Wie sie Unternehmen in die Abwärtsspirale führt

In Führungsetagen hört man ständig den Ruf nach „frischem Wind". Doch wenn es darauf ankommt, siegen Zahlen, Daten, Fakten und mutige Ideen bleiben auf der Strecke. Drei Mechanismen zigen, wie die Angst vor Unsicherheit Denkfehler erzeugt.

Meta-Analysen von Nicholas Carleton zeigen: Unsicherheitsintoleranz ist seit den 90ern bei Studierenden signifikant gestiegen.

1. Aufmerksamkeits-Bias: Der Dauer-Alarm im Kopf

Menschen mit Angst vor Unsicherheit scannen hyperaktiv nach Bedrohungen: wie ein Autoalarm, der ständig losgeht (Fergus & Carleton, 2016). Sie sehen überall Gefahren und Bedrohungen und verlieren dabei die Aufmerksamkeit für Chancen und Möglichkeiten.

Alltagsbeispiele:

  • Du willst ein rotes Auto → plötzlich „siehst" du überall rote Autos – keine gelben
  • Schwangere Kollegin → plötzlich fallen dir nur noch Schwangere auf​

Die Gefahr fürs Business: Wenn Manager ständig Infos von Rezession, Regulierung, Geopolitischen Herausforderungen, Shitstorms, usw. sehen,  bleibt keine Aufmerksamkeit mehr für Marktchancen und Entwicklungsmöglichkeiten in derselben Umgebung.​

Angst vor Unsicherheit 32. Bewertungs-Bias: Wir überschätzen Risiken systematisch

Menschen mit hoher Unsicherheitsangst schätzen die Wahrscheinlichkeit negativer Ereignisse und deren Folgen übertrieben hoch ein.​​

Gefahr fürs Business aus eigenem Erleben: Eine Führungskraft, die mich erlebt hatte, wollte mich für sein Team buchen, weil er einen „frischen Wind!" reinbringen wollte. Sein Vorgesetzter blockte ab: „Zu gewagt." Ergebnis: Wieder ein Zahlen-Daten-Fakten-Vortrag. Die subjektive Angst vor einem unwahrscheinlichen Negativ-Event überlagert die objektiven Kosten des Status Quo. Genauso veralten Geschäftsmodelle schleichend. Durch Entscheidungen, die sich „sicher" anfühlen, aber langfristig schaden.

3. Vermeidung & Sicherheitsrituale: Die Autobahn im Kopf wird zementiert

Um Unsicherheit zu vermeiden, greifen Menschen zu Ritualen, die sich „sicher" anfühlen.​

Beispiel:

  • Bevor ich aus dem Haus gehe dreimal prüfen, ob der Herd aus ist
  • Jede Präsentation von Kollegin absegnen lassen
  • Jedes Email 5x korrigieren vor Abschicken

So versucht man Überraschungen und Unsicherheit zu reduzieren. Doch das Gehirn lernt: „Nur mit Ritualen und Absicherung überlebe ich!" Unsicherheitsintoleranz wird trainiert, die Autobahn im Kopf zementiert. Die Rituale noch nötiger.

Kurzfristig sinkt die Angst, langfristig verstärkt sich aber die Angst vor Unsicherheit. Ein sich selbst verstärkender Kreislauf.

Ein weiterer Verstärker: News & Smartphones als Angst-Turbo

Unsicherheitsangst wird durch News-Konsum und Smartphone-Nutzung massiv verschärft. Ein perfekter Teufelskreis entsteht.​

So funktioniert's: Nachrichten sind überwiegend negativ (Rezession, Regulierungen, Krisen). Unsichere Menschen checken mehr News, um Sicherheit zu gewinnen, landen aber tiefer in der Angst. Smartphones machen es noch schlimmer: Jede Push-Nachricht triggert den inneren Alarm („Was ist passiert?"), und führt so tiefer in die Spirale.​

Realbeispiel: Ein Bekannter fährt seine Familie lieber 400 km Auto von Bremerhaven nach Kassel statt den Zug zu nehmen. Wegen „Messerstechern". Fakten: Autounfallrisiko ist 52-mal höher bei Todesfällen, 140-mal bei Schwerverletzungen als im Zug. Mediale Panik verzerrt die Risikowahrnehmung und führt zu Fehlschlüssen.

Gefahr fürs Business: Manager scrollen, statt sich zu entscheiden. Statt strategisches Denken: ständige Risiko-Scans durch Benachrichtigungen. Entscheidungslähmung statt Mut.​

Der Mechanismus dahinter: Das Handy wird zur „Krisen-Kompresse". Beruhigt kurzfristig, trainiert langfristig jedoch die Unsicherheitsangst. Je unsicherer wir sind, desto öfter checken wir. Je öfter wir checken, desto unsicherer werden wir.

Genau diese Mechanismen zerstören Unternehmen systematisch.

Was diese Angst Unternehmen wirklich kostet

Angst vor Unsicherheit 4

Geschäftsmodell: Wenn Führungsteams Risiken systematisch überschätzen, entscheiden sie sich reflexhaft für das Bekannte – alte Produkte, alte Prozesse, alte Märkte. So veralten Geschäftsmodelle schleichend, weil notwendige strategische Kurswechsel immer wieder vertagt werden.​

Produkte & Innovation: Aus der Angst vor Fehlschlägen werden Innovationen auf kleine, wenig riskante Verbesserungen reduziert. Statt radikale Ideen zu testen, landen Teams bei „Featurechen" – sicher, aber austauschbar. Das macht Unternehmen verletzlich gegenüber Wettbewerbern, die Unsicherheit besser aushalten.​

Team & Kultur: In einer Kultur der Unsicherheitsangst steigt der Rechtfertigungsdruck: Mitarbeitende sichern sich ab, dokumentieren alles, schreiben unnötige Emails, vermeiden mutige Vorschläge. Psychologische Sicherheit sinkt, Zynismus und Erschöpfung nehmen zu („Bringt ja eh nichts"). Langfristig gehen genau die Menschen, die Veränderung vorantreiben könnten.​

Ausbruch: Drei praktische Schritte

  1. News-Diäten: Max. 20 Min./Tag, faktenbasiert​. Oder Handys so lange wie möglich weglegen
  2. Bias-Check in Meetings: „Wo überschätzen wir Risiken? Was passiert denn wirklich im schlimmsten Fall?"​
  3. Mutige Experimente: Testen Sie unkonventionelle Impulse!​ Fordern Sie A-B-Tests ein.

Mut statt Angst. Starten Sie jetzt

Angst vor Unsicherheit zerstört mehr als Unsicherheit selbst. Wo bremst sie Ihr Unternehmen? und wo ist ein kalkuliertes Risiko möglich?

Wenn Sie diese Gedankenwelt in Ihr Team bringen möchten, dann stehe ich, Andreas Gebhardt, Ihnen als Keynote Speaker gerne zur Verfügung.

Quellen

– Carleton et al. (2018): Intolerance of uncertainty meta-analysis 

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29882726/

– Fergus & Carleton (2016): Attentional networks & IU 

Link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27068067/
Volltext: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2016.00509/full

– Chen et al. (2022): Smartphone addiction & IU [Link][web:30]

Link: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9309646/

– TEDx: Jessamine Chen „Rethinking Uncertainty" [YouTube][attached_file:1]

Link: https://youtu.be/R9iaRK5r1_M