Warum Unsicherheit vermeiden der falsche Weg ist
Wir lieben Sicherheit. Sie beruhigt und gibt Halt. Doch oft ist Sicherheit eine Illusion. Wir bauen sie auf Wissen, Routinen und Gewohnheiten. Wollen damit Unsicherheit vermeiden. Und übersehen dabei schnell, dass alles um uns herum ist in ständiger Weiterentwicklung ist. Ein Beispiel: Fährt man mit dem Auto über Glatteis, hieß es früher: Die Bremsen vorsichtig antippen, sonst rutscht's weg. Heute mit ABS/ESP gilt: Voll durchdrücken. Das alte „sichere" Wissen ist heute zum Risikofaktor geworden.
Solche falsche oder scheinbare Sicherheit entsteht, wenn wir glauben, genug zu wissen oder zu können und aufhören genau hinzuschauen. Ellen Langer nennt das „Mindlessness": Automatisches Handeln aus Routine, das Veränderungen und Entwicklungen übersieht.
Der gefährlichste Moment: Wenn wir denken, wir wüssten genug
Nicht das Nicht-Wissen ist riskant, sondern der Glaube, genug zu wissen. Denn dabei blenden wir Zweifel aus und handeln automatisch. Wir fühlen uns sicher, weil wir Entwicklungen und Veränderungen nicht kennen oder ausblenden. Beispiel? Geburtstagskerzen auspusten: Früher war das ein harmloser Spaß, alle lachen. Seit Corona wissen wir: Puste ist eine Aerosol-Wolke, die das Infektionsrisiko schön auf der Torte verteilt. Zu Hause in der Kernfamilie kann man das noch machen. Aber im Büro?
Wenn wir einfach weitermachen, wie bisher, führt das zu mach böser Überraschung. Wenn wir Informationen und Signale ignorieren werden wir plötzlich überrascht sein, dass Lieferketten fragiler als gedacht sind, dass Pandemien trotz top Systemen passieren können, dass politische Brüche plötzliches Handeln erfordern.
Als Jongleur lernte ich: Sicherheit ist nie absolut
Ein Jongleur kann jonglieren. Das ist doch klar, oder? Nicht ganz. Selbst nach 20 Jahren internationaler Karriere als Profi weiß ich: Jeder Ball kann fallen. Egal wie viel man übt, die Unsicherheit bleibt. Können ist fragil, Sicherheit ist nur relativ. Was sicher macht ist Aufmerksamkeit. Man könnte auch sagen demütig bleiben. Deshalb scanne ich ständig: Lichtverhältnisse, Bodenbeschaffenheit, Ballbahnen, Tagesform, …
Langer nennt es „Mindfulness", bewusstes Scannen statt Routine. Als Speaker sehe ich das in Unternehmen: Jeder einzelne ist clever und aufmerksam, doch als Team scheitern sie, weil sie festhalten an „bewährtem" Wissen.
Eine Forschungsarbeit von 2020 zeigt: Wenn wir nicht genau wissen, was als Nächstes passiert, werden wir automatisch aufmerksamer und lernen schneller. Die Wissenschaftler testeten das mit Menschen, die zwischen verschiedenen Optionen wählen mussten – manche sicher, manche ungewiss. Ergebnis: Bei ungewissen Optionen schenkte das Gehirn ihnen deutlich mehr Aufmerksamkeit und passte Entscheidungen schneller an. Unsicherheit ist also kein Störfaktor, sondern ein eingebauter Wachmacher.

Warum Unsicherheit vermeiden eine Falle ist
Sicherheit fühlt sich schnell dauerhaft an, ist sie aber nicht. Man denkt, man kann sich Sicherheit einmal erarbeiten und fertig. Als Jongleur, der als Kind quasi in den Unsicherheitstopf gefallen ist, stößt es mir immer wieder auf, wenn Menschen mit ihrer Selbstsicherheit oder ihrem Fachwissen, jegliche andere Stimme überbügeln. Laut, bestimmend, dominant. Warnsignale sind: „Das haben wir immer so gemacht." „Das funktioniert." „Das wissen wir schon."
Beispiel Passwortsicherheit: Früher hat man sich einmal ein starkes Passwort überlegt. Heute weiß man, Hacker knacken sowas in Sekunden, 2FA ist Pflicht, wenn man seine Business-Daten sicher wissen will. Klar spart man Energie, wenn man Veränderung erst mal ausblendet. Klar bedeutet Veränderung erst mal Unsicherheit. Vielleicht belächelt man sogar die anderen, die vorweg gehen, bis der Schock kommt.
Warum Unsicherheit uns wirklich schützt
Ellen Langers Forschung dreht den Spieß um: Unsicherheit ist keine Bedrohung, sondern eine Ressource. Wer Wissen nicht verabsolutiert, erkennt Risiken früher, nutzt Chancen schneller, bleibt flexibel und gesünder. Nicht trotz Unsicherheit, sondern wegen ihr. Sie zwingt zu genauerem Hinschauen, Perspektivwechseln und Korrekturen. Zu Demut. Fortschritt entsteht so: Nichts für ewig halten, immer neu hinschauen.
Eine spannende Studie bei der eine Verunsicherung zur Change wurde, wurde mit Hotelputzfrauen durchgeführt: Zwei Gruppen, die dieselbe Arbeit machen. Die einen machten ihren " Job" wie immer. Den anderen hat man klargemacht, dass ihre Arbeit einem Fitnesstraining entspricht. Das war natürlich erst mal eine Verunsicherung, eine andere Perspektive, weil man das, was man tagein tagaus macht plötzlich mit neuen Augen sah.
Das Ergebnis war phänomenal: Die Gruppe, die ihre Arbeit neu bewertete, zeigte Gewichtsabnahme, reduzierten BMI, niedrigeren Blutdruck. Und das alles ohne mehr zu arbeiten ohne mehr Sport zu machen. Alleine die veränderte Wahrnehmung veränderte also ihre Körper. Die vermeintliche Sicherheit „Arbeit ist kein Sport" oder Sport macht man nach der Arbeit" wurde verunsichert und alleine das hat schon was aktiviert.
Fazit: Begrüße die Unsicherheit. Sie zerstört Illusionen
Unsichere Zeiten zerstören Planbarkeit, zwingen zu Checks und frischen Blicken. Und das kann eine wichtige Ressource für Entwicklung sein.
Stabile Zeiten bergen ein Risiko: Denn die Routinen verhärten schnell, Signale werden ignoriert. Als Jongleur und Speaker rate ich: Bleib wach. Versuche nicht Unsicherheit zu vermeiden, sondern Nutze Unsicherheit als Training, wie der Jongleur die Bälle im Flug. Denn sie fordern Aufmerksamkeit, halten wach und lebendig. Langer hat recht: Die Power der Possibility liegt im bewussten Nicht-Wissen.
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Innovation wagen: Mut zur Zukunft: Warum Fortschritt und Innovation nur dort entstehen, wo wir Unsicherheit akzeptieren.
Speaker Andreas Gebhardt: Unsicherheit als Wachstumstreiber
Andreas Gebhardt ist Keynote Speaker zu Unsicherheit, Change Management und Leadership. Früher internationaler Jongleur mit über 5000 Shows, heute Experte für Fehlerkultur und bewusste Unsicherheit in Unternehmen. Sein Vortrag „Mut zur Veränderung" macht Unsicherheit zur wachstumsstärkenden Ressource für Führungskräfte.
Quellen:
- Trends in Cognitive Sciences (2020): How Outcome Uncertainty Mediates Attention, Learning, and Decision-Making
- Ellen Langer Forschung: Langer, E. J. (1989). Minding Matters: The Consequences of Mindlessness–Mindfulness. Advances in Experimental Social Psychology.
(Oder ihr Buch: Mindfulness (1989) – ihr Standardwerk zu Mindlessness/Mindfulness) - Hotelputzfrauen-Experiment: Crum, A. J. & Langer, E. J. (2007). Mind-set matters: exercise and the placebo effect. Psychological Science.
- TED Talk (Bonus): Langer, E. (2019). Uncertainty and The Power of Possibility.
